Hallo, Spencer!

Wie ich mich beim Hunde-Tinder verliebte und jetzt ein Problem habe.

Einmal kurz auf’s Handy geschaut, schon hänge ich drin. Eine Facebook-Freundin hatte die Seite einer Hunde-Vermittlung geteilt – und weil ich gerade eine 60-sekündige Pause machen darf zwischen zwei Sätzen Streckbank für den Rücken, klicke ich. Ich werde auf Instagram weitergeleitet, denke noch, dass die Seite von petangels sehr ansprechend gemacht ist und es wirklich hübsche Hunde dort gibt, die auf ein neues Herrchen oder Frauen warten, klicke mich durch … und dann BÄM sehe ich IHN:

Spencer. Er ist ein etwa einjähriger English Setter Rüde, der am 22.12. aus einer spanischen Tötungsstation geholt wurde und nun in einer Pflegestelle in der Nordeifel angekommen ist. Ich bin sofort wie elektrisiert. Nicht nur, weil er bildschön ist. Nicht nur, weil ich fassungslos bin, dass ein Hund eine Tötungsstation kennen lernen muss. Nicht nur, weil der 22.12. mein Geburtstag ist (ein Zeichen!). Sondern, weil ich in seine Augen schaue und sofort weiß: Der ist es. Mein Hund. Ich denke das zwar fast täglich, wenn ich einen Hund sehe. Aber irgendwas ist diesmal anders.

Freya

 

Dass ich in einer Stadtwohnung mit Treppen mitten im Schanzenviertel wohne, vergesse ich erst mal. Dafür erinnere ich mich an die Hunde, mit denen ich groß wurde: Beides Irish Setter und für mich bis heute die tollsten Hunde, nicht, weil sie so elegant aussehen. Sondern, weil sie einen wirklich feinen Charakter haben: Sie sind für Hunde ziemlich schlau, brauchen viel Action und Auslauf, sind große Entertainer – und zuhause harte Chiller. Ich habe früher immer gesagt, dass ein Hund für mich erst ab Kniehöhe aufwärts anfängt, das nehme ich an dieser Stelle zurück – ich mag auch Dackel, Pinscher, Terrierer, kleine Mischlinge. Aber mein Herz so richtig höher schlagen lassen eben große Hunde, die gern jagen und rennen, eben richtige Hunde sind.

Seit zehn Jahren möchte ich einen Hund. Und seit zehn Jahren rede ich ihn mir aus, weil ich mitten in der Stadt wohne, viel unterwegs bin, reisen möchte… Ich nehme trotzdem Kontakt mit Spencers Pflegerin auf, einer sehr herzlichen Frau, die schon zwei Golden Retriever besitzt und Hundeexpertin ist. Sie übt in diesen Tagen Langleine, Sitz, bei Fuß und alles andere mit Spencer, das ihn für ein neues Herrchen oder Frauchen geeignet macht. Sie hat keine Eile, ihn loszuwerden, denn sie sucht, wie sie sagt „Die Nadel im Heuhaufen aller Hundehalter.“

Ich erzähle alle meine Bedenken, ich weiß nicht mal, ob mein Vermieter einen Hund erlauben würde. Sie sagt, dass sie schon vielen ungeeigneten Interessenten abgesagt hat. Ich will sie nicht überreden, hoffe eher, dass sie gleich Gründe nennt, die sofort zu No-Brainer-Argumenten gegen Spencer werden. Das Gegenteil ist der Fall: Alles, was sie von ihm erzählt, lässt mich aufseufzen und abwechselnd „Awww“ oder „Och!“ machen. Er ist ein bisschen kleiner und zierlicher, als englische Setter normalerweise sind, vielleicht doch nicht exakt reinrassig. Er ist extrem freundlich, aber etwas zurückhaltend. Und er pinkelt im Sitzen, vielleicht denkt er, er ist eine Hündin? Spencer liebt andere Hunde, aber wenn viele auf einmal bellen und jaulen, kriegt er Angst. Vermutlich, weil das in der Tötungsstation Tagesordnung war: Ein Meer von in Todesangst jaulenden Hunden um ihn herum.

Spencer erinnert mich an die Hunde, die früher in meiner Familie waren: Erst Freya (siehe Foto:), sozusagen mein erster richtiger Buddy und Babysitter. Als ich zwei war, durfte ich sie mit aussuchen, wurde mir zumindest so erzählt, aber eine meiner ersten Kindheitserinnerungen ist tatsächlich diese: Ich stehe in einem Keller an einem Körbchen voll mit Welpen. Es folgte eine sehr innige Kind-Hund-Beziehung, man hätte mich Knirps vermutlich mit ihr auf Weltreise schicken können. Als sie starb, war es eine echte Tragödie. Danach war Caressa in unserer Familie, auch sie ein reinrassiger Irish Setter. Den prätentiösen Namen hatte sie vom Züchter, uns fiel irgendwie kein anderer ein und so blieben wir aus Bequemlichkeit dabei. Caressa war wohl im falschen Körper geboren, wir tippten, dass sie eigentlich ein Lamm sein müsste, so lieb und verschmust war sie.

Zurück zu Spencer, aber natürlich hat meine Schockverliebtheit damit zu tun, wie gern ich die Hunde meiner Kindheit hatte. Und damit wir uns hier nicht missverstehen: Sobald ich groß genug war, durfte und musste ich zusammen mit meiner Familie um die Hunde kümmern. Nachmittags nach der Schule und abends nach dem Essen drehte ich große Runden durch die Felder. Ich weiß, dass wenn ich Spencer bei mir aufnehmen würde, dann würde ich es auch mit allen Schikanen und richtig machen. Ich wäre vielleicht mal genervt, weil ich eine Reise nicht machen kann, weil ich schon wieder einen Hundesitter zahlen muss oder Tierarztkosten, aber ich weiß, dass er eine große Bereicherung für mein Leben wäre. Und ich für seins.

Scheiß Treppen. Wenn sie nicht wären, er säße schon hier bei mir neben dem Sofa. Naja oder läge oben drauf, zu meinen Füßen. Ich könnte ausziehen, sicher. Aber vielleicht muss ich akzeptieren, dass ein Hund jetzt gerade doch noch keinen Sinn macht. Zumindest nicht so ein großer. Aber wie lange will ich noch warten? Und wo landet Spencer? Hat er es besser ohne mich? Frau L., seine Pflegestelle sagt, irgendwie hat sie das Gefühl, es könnte trotzdem passen, trotz Stadt, trotz Treppen. Sie sagt noch mal, dass sie keine Eile hat und wir in Kontakt bleiben. Ich habe zwei Videos von Spencer, die ich mir immer wieder anschaue. Ich glaube, ich bin hart verliebt. Ich glaube, ich sollte es einfach machen, so wie Miriam, die hier über ihre Cityhunde schreibt. Oder? Ja, nein, vielleicht…Hilfe!

Wie würdet Ihr entscheiden? Habt Ihr Euch gegen jede Vernunft für oder gegen ein Tier entschieden?

Schreibt mir gern: moin@rolandroedermund.de