Neuseeland. Hello from the other side …

Abenteuer XXL: Einmal vier Jahreszeiten am Tag, bitte! *

von Roland

Neuseeland? Echt jetzt?! Der Inselstaat am Hintern der Welt ist doch eigentlich nur was für Extremsportler, Aussteiger, Fans der Original-Hobbit-Höhle und Jugendliche, die zwischen Abi und Studium noch ein halbes Jahr Work & Travel machen wollen, oder? Und nicht für Menschen jenseits der Zwanziger, die bloß über die normale Anzahl an Urlaubstagen verfügen. Und überhaupt, wenn schon Fernreisen, dann sind doch Südafrika oder irgendwas in Südamerika längst die angesagteren Ziele. Nein? Ich wollte es doch mal genauer wissen und begab mich entgegen einiger Meinungen aus dem Umfeld („Viel zu weit!“, „Da gibt es doch nur Schafe!“) ins „Land der langen weißen Wolke“, wie die Maori, Neuseelands Ureinwohner, ihre Heimat aus zwei Inseln nennen.

 

Graue Wolken? Die bleiben nicht lange! Matakana in der Nähe von Auckland

Graue Wolken? Die bleiben nicht lange! Matakana in der Nähe von Auckland

 

Nach der Ankunft mit Karnickelaugen und heftigem Jetlag (plus zwölf Stunden Zeitunterschied– UFF!) ist man per se verstrahlt – aber noch nicht umgehauen: Das maritime Auckland, mitrund 1,4 Millionen Einwohnern und im neuseeländischen Frühling Ende Oktober noch recht kühl, hat auf den ersten Blick was von Hamburg. Auch weil man die Fähre vom Gästezimmer in einer viktorianischen Villa im behäbigen Stadtteil Devenport ins Zentrum nimmt – und dabei fast von selbiger geweht wird. Beim ersten Spaziergang wird einem warm ums Herz: Es offenbart sich eine junge und quirlige Stadt – vor allem in der Ponsonby Road oder dem Bezirk Britomart, dem runderneuerten Bahnhofsviertel,das nach seiner Modernisierung nun die coolsten Cafés, Galerien, Bars und Einkaufsmöglichkeiten beherbergt.

 

Stop, in the name of love - for Kiwis and their little feathered friends...!

Stop, in the name of love – for Kiwis and their little feathered friends…!

 

„Jeder Ladenbesitzer wollte nach Britomart“, erzählt die exzentrische Designerin Denise L’Estrange-Corbet. „Nur wenige wurden von der Stadtplanung akzeptiert!“ Sie war dabei, 1989 gründete sie mit ihrem Mann Francis Hooper das Label World, inzwischen besitzen sie sechs Concept-Stores über die Nord- und Südinsel verteilt, schafften es mit ihren bunten Kreationen bereits auf die Fashion-Weeks von Paris und London. Beachtlich für das in Modefragen nicht gerade fortschrittliche Land. T-Shirt, Trekkinghose, Latschen? Das scheint hier auch in den Städten völlig akzeptable Abendgarderobe zu sein. Denise lacht schallend und ansteckend, springt von einer Anekdote zur nächsten – etwa der, wie sie als verknalltes Schulmädchen in England Anfang der Siebziger Brian Ferry aus der Telefonzelle mit Anrufen belästigte (damals standen Stars noch im Telefonbuch), was Eingang in dessen Song „Street Life“ gefunden haben soll. Sie ist eines von zahllosen Beispielen weltoffener Menschen hier, deren Witzig- und Freundlichkeit genauso märchenhaft ist wie die Panorama-Aussichten an jeder Ecke.

 

Ein Paradies für Ziegen (und Taucher!): Goat Island in Matanaka bei Auckland

Ein Paradies für Ziegen (und Taucher!): Goat Island in Matanaka bei Auckland

 

Ein Muss in Auckland: das Restaurant „Orphans Kitchen“ von Tom Hishon, der 2016 mit 29 zum Koch des Jahres gekürt wurde – und regionale Zutaten wie Austern, Lamm oder auf dem Dach gewonnenen Wildbienenhonig zu meisterhaften Werken komponiert. Nachdem man sich etwas akklimatisiert hat, geht es weiter Richtung Süden nach Taranaki, einenTag vor Anreise von „Lonely Planet“ offiziell zur zweitaufregendsten Reiseregion 2017 gekürt. Was einerseits an den Surfbedingungen liegt, dem spektakulären Len Lye Centre zu Ehren des gleichnamigen neuseeländischen Kinesie-Künstlers – vor allem aber am Mount Taranaki: ein einzeln stehender Vulkan, der einen sofort daran erinnert, dass man ja auch zum Wandern und wegen der Bilderbuchnatur herkam. Er ist aber schüchtern, versteckt sich gerne hinter einem Wolkenschleier. „Ich war jetzt dreimal hier, und nie war er zu sehen!“, empört sich eine Amerikanerin. „Ich glaube, den gibt es nur dank Photoshop.“ Wir haben Glück: Beim morgendlichen Hike ist glasklare Luft – und so schön wie gephotoshopt ist er tatsächlich in echt.

 

Vor dem Anstieg macht sich der Mount schon mal frei

Vor dem Anstieg macht sich der Mount schon mal frei

 

Es würde keinen Sinn ergeben, eine Top-Ten-Liste für Neuseeland zu empfehlen: Es gibt einfach zu viele Highlights. Viele finden die Südinsel spannender, weil dort die neuseeländischen Alpen warten. Aber auch im Norden sitzt man im Wagen und möchte alle 200 Meter anhalten, aussteigen und den Ausblick genießen. Deshalb dauern die Fahrtzeiten auch immer länger als geplant. Darüber hinaus wegen der Geschwindigkeitsbegrenzung oder weil –ja! – eine Schafherde den Weg blockiert. Immer schön entspannt bleiben ist das Motto der Kiwis. Auch wenn das Wetter mal wieder sodermaßen rasch wechselt wie Beyoncé ihre Outfits im Videoclip – bezeichnend, dass ein australischer, von Neuseeländern quasi adoptierter Crowded-House-Song „Four Seasons In One Day“ heißt: Eben noch bibbert man im Hagelschauer, um sich eine halbe Stunde später überhitzt ins Meer zu stürzen.

 

„You look like photoshopped!

„You look like photoshopped!“ Mount Taranaki, das Topmodel unter den Bergen

 

In Wellington, das sich selbstbewusst als „coolste kleine Hauptstadt der Welt“ bezeichnet, herrschen gerade 11 Grad und gefühlte Windstärke 10, was die abgehärteten Kiwis aber nicht davon abhält, leichtfüßig und leicht bekleidet an der Pier zu joggen. Ihren Körpern nach zu urteilen sind die meisten Neuseeländer wahrlich keine Couchpotatos … „Der Wind sorgt für frische Gedanken!“, ruft eine Läuferin durch den Sturm und hebt den Daumen. Später trifft man sie vor der Pop-up-Sauna in einem ausgebauten Schiffscontainer wieder. Mutprobe spätabends: vom Zehnmetersprungturm ins tiefdunkle Hafenbecken hüpfen. Anschließend gibt’s noch eine Nachtwanderung in Zealandia, der neuseeländischen Variante vom Vogelpark Walsrode.

 

Tschilp, Tschilp: Ein Zeisig am Wegesrand

Tschilp, Tschilp: Ein Zeisig am Wegesrand

Man muss wissen: Vögel sind die heiligen Kühe der Neuseeländer! Viele Arten wurden über die Jahrhunderte fast ausgerottet, weil sie sich gegen Beutelratten, Katzen und sonstige von Einwanderern eingeschleppten Raubtiere nicht verteidigen konnten. Skurril-putzige Koalas, Schnabeltiere oder Kängurus gibt es halt nur in Australien. Heute tut man alles, um die Artenvielfalt wieder herzustellen. Und spätestens wenn man dann – Volltreffer! – nachts mit Infrarotfunzel einem etwas linkisch aussehenden Kiwi gegenübersteht, ist man mit der Fauna versöhnt. Schräge Vögel sieht man in Wellington auch auf der Cuba Street, dem Ausgehviertel. Doch so charmant die Städte sind: Ein paar Tage in der Natur müssen schon sein für das ultimative Paradies-Feeling.

 

Natur is calling! Auf der Südinsel noch ein bisschen lauter gefühlt...

Natur is calling! Auf der Südinsel noch ein bisschen lauter gefühlt…

 

Also ab auf die Südinsel! Da Neuseeland das reinste Schlemmerparadies ist, muss in Nelson erst noch eine Weinprobe mit ausgedehntem Lunch sein, aber dann geht es weiter, Richtung Abel-Tasman-Nationalpark. Toll: Karibik-Feeling! Am äußeren Rand, im Örtchen Kaiteriteri Beach kann man noch Kajak, Segeln oder Standup-Paddeling ausprobieren, bis es an einsame Traumstrände geht, an die man nur per Boot gelangt– und an denen niemand das Hüftgold sieht, das man in den vergangenen Tagen in diesem Schlaraffenland angesetzt hat … Die dichten Pinienwälder sind gut für einsame Halbtagesmärsche zur nächsten Lodge, und die einzigen Lichter, die man nachts sieht, kommen vom Sternenhimmel oder den Glühwürmchenschwärmen. Und spätestens jetzt findet man Neuseeland mindestens so magisch wie die Fantasiewelten in „Herr der Ringe“. Zugegeben: Am Ende hätte man gern noch viellänger Zeit hier verbracht – und überlegt mehrmals, wie man den Chef um ein Spontan-Sabbatical bitten kann. Weil die Welt hier so unwirklich und in Ordnung scheint. Neue alte Weisheit: Abschied ist ein schweres Schaf!

 

Auch auf der Südinsel unterbricht man ständig den Roadtrip für eine Pause – zu schön hier!

Auch auf der Südinsel unterbricht man ständig den Roadtrip für eine Pause – zu schön hier!

(*Dieser Text erschien im Reiseteil von GRAZIA und wurde für stadtlandflow leicht geändert. Alle Bilder: privat/stadtlandflow)