Kurzgeschichte: Bianca geht.

Folgt dem Fuchs! Bevor es stadtlandflow überhaupt gab, schrieb ich diese Geschichte auf – über die Sehnsucht, auszubrechen und (aus sich) rauszugehen.

von Roland

Bianca schwitzte. Die Thermoskanne in ihrem Rucksack drückte unangenehm zwischen ihre Schulterblätter. Siebenkommafünf Grad. Sie hatte es vorhin auf dem Thermometer an der modrigen Pergola abgelesen, als sie im Garten geholfen hatte nach Brennnesseln und Schafgarbe zu suchen. Für den grünen Smoothie, den es hier morgens gab. An den Tagen eins bis drei fühlt man sich mächtig schlapp“, hatte Stef, die Fasten-Leiterin, bei ihrem Begrüßungs-Vortrag gesagt. „Aber dann“, sie hatte ihre Stimme gehoben und ein Multivitaminlächeln aufgesetzt, „seid ihr so voll mit Energie, dass ihr den ganzen Malerweg auf einmal wandern wollt!“ Bianca erinnerte sich, was sie darüber in ihrem Reiseführer gelesen hatte – „112 Kilometer pures Wanderglück“ – und fragte sich, ob es nicht ein großer Fehler gewesen war, eine Fastenwanderreise ins Elbsandsteingebirge zu buchen.

Übergewicht“, „Bluthochdruck“, „Cholesterinwerte“, „Fettsucht“ – Dr. Schönlein, ihr Hausarzt, hatte die Worte während der Untersuchung wie Dartpfeile auf sie abgefeuert. Und als die Salve endete, sagte er: „Denken Sie nur an sich. Diese Woche wird ihr Leben entscheidend verändern.“ Er meinte wohl: Verlängern! „Die 30 wollen Sie nicht erreichen, wie?“ Bianca hatte gefroren und nach unten geschaut. An sich herunter. War das wirklich alles ihr Körper? Ihr Arzt war der einzige Mann, der sie so zu sehen bekam. So nackt. Vermutlich hätte sie in alles eingewilligt, nur um sich wieder anziehen zu können. Ihr Körper war zu groß und jetzt, wo sie saß, legte er sich in unfassbar viele Speckrollen. Er war eine Zumutung. Sogar für ihren Arzt.

Vierter Tag „Großputz für den Organismus: Basenfastenwandern für das innere und äußere Gleichgewicht“. Die sechs anderen Frauen und die zwei Männer waren drahtig, energisch und gesund in allem, was sie taten. Sie kamen zweimal im Jahr ins Seminarhaus Waldfrieden. „Ach, am liebsten würde ich immer fasten!“, hieß es, während man fröstelnd und mit runtergezogenen Sweatshirt-Ärmeln dampfende Teetassen umklammerte wie den heiligen Gral. Biancas Magen fühlte sich an wie ein ausgewrungener Lappen. Der Verzicht und die täglichen Berg- und Talmärsche durch das Naturschutzgebiet setzten ihr zu, sie war stets die letzte, die beim nächsten Zwischenstopp ankam. Und die erste, die abends die fade Gemüsesuppe leergelöffelt hatte. Zwischen Kopfweh und Schwindel dachte sie an Jägerschnitzel und träumte nachts von Gebirgen aus Weingummi und Schokolade. Was sollte sie denn noch abführen mit dem Bittersalz? Sie hatte das Gefühl, sich aufzulösen.

Na komm, Bibi – Bergfest!“ rief Stef mit Pionier-Stimme und knuffte Bianca in die Seite. Mit schwitzigen Händen hatte Bianca im Morgenkreis gesessen und sich gefragt, was sie sagen könnte, wenn sie dran war. Heute gab es kein Programm und jeder musste darlegen, wie er gedachte, seinen Tag zu gestalten. Vom ersten Tag an hatten sich jenseits von ihr Grüppchen gebildet. Auch heute hatte man ihr zu verstehen gegeben, dass alle Autos schon voll seien für die Ausflüge. „Ich geh’ heute wandern. Alleine“, war der Satz, der aus ihr kam, als sie der Redestein erreichte. Stef unterbrach die stumme Fassungslosigkeit der Runde. „Mensch toll, Bibi. Das finde ich total super!“ Drei klatschten. Der Rest schaute mitleidig.

Sollen sie doch, dachte Bianca. Heute würde sie es ihnen zeigen. Und diesem Dr. Schönlein auch. Nach dem Morgenkreis zog sie ihr Fleece-Stirnband energisch über die Ohren und befüllte den Rucksack so beherzt mit dem Handy, der Wanderkarte und Proviant aus Rohkostschnitzen und Tee, als stünde die Entdeckung eines neuen Kontinents bevor. Als sie am Mittag vor das Seminarhaus trat, die Vögel und den Fluss hörte und die Waldluft einsog, tat sie einen Seufzer. 

Nur flaute sie beim Gehen ebenso schnell wieder ab, wie sie zuvor in Bianca gefahren war. Sie schaute mehr auf ihre Füße als auf den Weg. Die Geräusche des Waldes drangen gegen das heftige Pochen ihres Herzens und durch das dicke Stirnband nur dumpf zu ihr vor. Das hatte sie sich leichter vorgestellt.

Nach zwei Stunden und vielen Pausen hatte sie die Orientierung verloren. Links und rechts neben ihr sah alles gleich aus: grün, bemoost und steil. „Es gibt ja auch überall Schilder“, hatte Stef Bianca beim Aufbruch zugerufen während sie die Außensauna angeworfen hatte. Die anderen würden jetzt nackt und vital schwitzend im Kreis sitzen, zurück vom Ausflug ins tschechische Nachbarstädtchen. Und keiner würde sie vermissen. Statt Schilder nur Nadelbäume. Irgendwo hämmerte ein Specht, ansonsten Stille. „Natürlich kein Empfang!“ Sie hätte das Handy am liebsten gegen die nächste Tanne gedonnert. Oder waren das Fichten? „Die Tanne sticht, die Fichte nicht!“ hatte Stef bei einem ihrer Vorträge doziert. Bianca schwitzte die Frage in ihre Multifunktionsweste – statt einen Baum zur näheren Bestimmung bei seinen Nadeln zu fassen. „Wölfe wieder auf dem Vormarsch!“, hatte in der Zeitung gestanden. Ihr lief ein Schauer über den Rücken. Schritt für Schritt quälte sie sich die Böschung empor. Über Berg und Tal. „Dicke fette Pannekauken, blief stahn, eck will di fräten!“ Das Märchen vom dicken, fetten Pfannkuchen war ihr schon als Kind unangenehm gewesen. Kantapper, kantapper den Berg hinunter. Und wieder hinauf.

Ihre Waden brannten, als wate sie durch glühende Lava, ihr Herz hämmerte unter der Trekkingkleidung und dem Sportunterhemd. Sie riss sich das Stirnband vom Kopf und wischte sich eine Träne weg. Das dünne Haar klebte ihr am Kopf. „Märchenwald, pah! Ich bin das fette Rotkäppchen, das vom Weg abkommt!“, schrie sie in die Wipfel. Kein Wolf, nirgends. Und ein Prinz schon gar nicht. Der Rest Kräutertee in der Aluflasche schwappte im Takt ihrer Schritte. Die Wanderschuhe waren nass und stimmten wie lautes Schmatzen in den Rhythmus ihres Marschs ein. Für Bianca klang es wie ein höhnischer Kommentar.

Mit jedem Schritt vorwärts verlor sie ein bisschen mehr Mut. Ihr Magen protestierte mit einem Grummeln, kalte Leere in ihr. Sie hatte bereits lustlos die rote Bete, die gelben Möhren und den Sellerie gekaut. Was wohl schlimmer war: zu verhungern oder von wilden Tieren gefressen zu werden? Soweit war sie schon. Aber die Vorstellung, die Nacht auf dem Hexenrücken oder Ochsenbuckel – oder wie auch immer diese vermaledeiten Berge in der sächsischen Schweiz hießen! – zu verbringen, löste einen schrillen Wutschrei in ihr aus, über den sie selber erschrak. Im Seminarhaus deckten sie bald den Tisch. Die tiefen Teller für die Suppe, die Becher für den Fastentee. Und bald dämmerte es sicher, das kam noch hinzu. Selbst wenn Stef sich in ihren Bulli setzte oder die Bergwacht riefe: Wie schnell würde man sie finden? Bianca fragte sich, wer sie wirklich vermisste, ginge sie hier und heute verloren. Tränen schossen plötzlich heiß in ihre Augen. Wie war sie nur in dieses Schlamassel hineingeraten?

Bianca blieb erschöpft stehen. Ach, ein Schild! Zwei hölzerne Pfeile. Auf dem linken stand „Seminarhaus Waldfrieden 9km.“ Auf dem rechten war die Schrift verwittert und nicht lesbar. Bianca war einfach die große Runde gelaufen. „Ich dummes, dickes Ding!“ Sie lachte erleichtert und riss ihre Arme in die Höhe. Sie blickte noch einmal nach rechts. Und dort stand er – ein Fuchs. Sie erschrak, als hätte er sie bei etwas ertappt. Warum guckte der sie so an, lief nicht weg? Vielleicht war das Tier krank. Fuchsbandwürmer oder Tollwut. Oder Fuchspest, was wusste sie denn? Ein Vorderbein hatte er angehoben, wie zum Gruß. Sein Kopf war geneigt, als studiere er sie. Bianca machte ein paar Schritte auf ihn zu. Lächelte er sie an? Das Stirnband fiel ihr aus der Hand und sie ging vorsichtig näher, bis sie bei ihm war. Sie ließ sich vor ihm auf den Waldboden sinken und betrachtete ihn. Sein rotgoldenes Fell glänzte in der Sonne. Seine gelbbraunen Augen blickten scharf und doch freundlich in ihre. Er hatte keine Angst. 

Komm!“ Was passiert hier? Und wer hat das gerade gesagt? Bianca springt auf, wirft den Rucksack ab, dann ihre Kleider. Eine Wellenbewegung geht durch ihren Körper. Dann tausend heiße Nadelstiche. Sie streckt und kratzt sich, meint plötzlich, einen rötlichen Flaum auf ihrer Haut zu erkennen. Bianca lässt sich auf alle Viere fallen. Ihr Körper zieht sich zusammen, dann wieder auseinander. Und wieder zusammen. Die Bäume sind jetzt riesig. Sie fühlt jede Kontur des Waldbodens unter ihren – Moment, Pfoten? Dann tausend Gerüche. Die Natur explodiert in ihr. Der Fuchs rennt los, schaut, ob sie ihm folgt – und sie jagt ihm hinterher. Sie will einen Freudenschrei ausstoßen, stattdessen dringt ein übermütiges Knurren aus ihr, während sie ihrem neuen Gefährten hinterher ins Dickicht springt. Sie hält noch einmal kurz inne und blickt zurück. Bianca hat sich noch nie so leicht gefühlt.

Die Graphik im Vorschaubild ist von der Hamburger Künstlerin Tine Milbret / Koppkunst