Metropole oder Provinz? Am besten beides, bitte!

Stadt, Land, Flucht: Ein Gespräch über die Sehnsucht, mehr bei sich zu leben

von Roland und Anna

Titel

Anna ist in der Stadt groß geworden und wohnt seit einem Jahr sehr ländlich in Brandenburg, Roland ist in einem 7000-Seelen-Dorf aufgewachsen und lebt seit über zehn Jahren mitten in Hamburg. Beide fühlen sich wohl – und beide vermissen auch das andere Extrem. Ein Gespräch über Gegensätze. Und über die gemeinsame Liebe zur Natur.

Anna: Im Gegensatz zu mir bist du auf dem Land groß geworden. Wie hat dich das geprägt?

Roland: Schon sehr. Als Kind ist dir nicht bewusst, dass du da in dieser Fülle der Natur aufwächst. Da spielst du halt einfach draußen, im Wald, in den Feldern, gehst reiten und baust deine Buden da, wo keine Häuser sind. Ich bin aber recht früh dort weg, um in der Großstadt zu studieren. Über die Jahre fand dann eine immer stärkere Rückbesinnung aufs Landleben statt – insofern, als dass ich öfter in meiner alten Heimat bin. Komplett auf dem Land leben kann ich mir trotzdem im Moment nicht vorstellen. Aber das ist für mich kein Widerspruch.

Anna: Für mich auch nicht. Weil wir dankenswerterweise so privilegiert sind, beides haben zu können.

Roland: Genau. Ich glaube, dass mir das Landleben heute nur deshalb so gut gefällt, weil ich aktuell in der Stadt lebe, und zwar mittendrin. Ich weiß aus Erfahrung, dass es auf dem Dorf sehr einsam sein kann, weil man sich eben weniger von sich selbst und auch von seinen Ängsten oder Problemen ablenken kann. Die Anonymität der Stadt ist für viele auf dem Land befremdlich, aber auf dem Land ist es dafür eben auch enger. Du hast weniger Menschen, aus denen du dir deine Freunde suchen kannst. Dafür ist Gemeinschaft ein viel wichtigerer Wert.

Anna: Und wie fühlst du dich in der Stadt?

Roland: Die Stadt flasht mich, aber sie nervt mich auch schnell. Aber ich kann mir die Natur als etwas nehmen oder erobern, das mich glücklich macht, das mich erfüllt und runterbringt. Ich muss in ihr nicht arbeiten oder einsam sein, und ihre raue Seite lerne ich höchstens kennen, wenn das Zelt beim Ausflug unter Wasser steht. Ich kann dort sein, wie ich will, muss nicht wie im Büro auf Pünktlichkeit oder meine Klamotten achten. Natur ist für mich Auszeit, Abschalten – ob es ein Tag Stadtpark ist, ein Elbspaziergang oder ein Ausflug ans Meer.

Anna: Geht mir ähnlich.

Roland: Und was vermisst du in Brandenburg?

Anna: Zerstreuung! Die finde ich im urbanen Raum leichter. In der Großstadt kann ich mich besser auch mal ablenken – im besten Sinne. Dort finde ich Inspiration und andere Impulse als auf dem weiten, stillen Land. In der Stadt gibt es Menschen, Kreativität, Kultur, Subkultur, Widersprüche. Es ist lustig: Ich bin aufs Land gezogen, unter anderem weil ich das Gefühl hatte, dass mir zu viele Menschen zu viel Energie genommen haben. Und mittlerweile habe ich festgestellt, dass mir die gleiche Masse an Leuten auch ganz viel Energie geben kann.

Roland: Du flüchtest vom Land oft in die Stadt – bei mir ist es umgekehrt: Ich flüchte aufs Land!

Anna: Wo dir dann wiederum aber auch etwas fehlt…

Roland: Stimmt schon. Aber ich tanke da auf, obwohl ich mich nicht in der kompletten Einöde wohnen sehe. Ein Aussteiger bin ich höchstens mal auf Zeit. Trotzdem möchte ich Menschen dazu inspirieren, mehr und bewusster rauszugehen.

Anna: Das Gefühl, sich nicht ganz zwischen Stadt und Land entscheiden zu wollen, kennen, denke ich, viele Menschen. Im besten Fall ist es ein Flow zwischen Stadt und Land, oft ist es ein herausfordernder Zwiespalt zwischen der Natur, die wir wollen, und dem urbanen Raum, in dem wir heute meistens leben. Und irgendwie brauchen.

Roland: Glaubst du, dass Natur uns retten kann? Oder ist das in Zeiten von Aleppo, Trump und Klimawandel ein idealistischer Erste-Welt-Gedanke?

Anna: Sich so eine Frage stellen zu können ist sicher ein Luxus, den uns die Verhältnisse ermöglichen, in denen wir leben. Aber naiv finde ich das überhaupt nicht. Im Gegenteil: Gerade für die Herausforderungen, die uns bevorstehen, ist es doch wichtig, bei sich zu sein und Kraft zu tanken. Und wo kommt man besser bei sich an als draußen? Ich bin davon überzeugt, dass die Natur heilen und fast jeden recht kurzfristig relaxen kann. Und Menschen, die sich besser fühlen, sind sicher nicht nur leistungsfähiger, sondern vor allem offener für sich selbst und andere.

Roland: Und gewappneter für das komplexe Leben heute und die ungewisse Zukunft?

Anna: Ja, auch, um sich auf den Job konzentrieren zu können, über politische Fragen nachzudenken oder auch um einen gewissen Aktivismus zu entwickeln. Wie willst du das machen, wenn dein Kopf total vollgemüllt ist? Für einen freien Geist braucht man, finde ich, auf jeden Fall die Natur und die Entschleunigung. Aber es ist eben auch nicht einfach, sich darauf einzulassen.

Roland: Ja, auf Knopfdruck geht das leider nicht. Du bist vor etwa einem Jahr aufs Land gezogen – und bei dir angekommen?

Anna: Seit mein Freund und ich hauptsächlich dort leben, ist uns aufgefallen, wie Lebewesen eigentlich funktionieren: nach ihren Bedürfnissen. Wenn die Hunger haben, essen sie was, und wenn sie müde sind, dann chillen sie kurz. Das haben die meisten Menschen in ihrem normalen Leben ja verlernt oder können es nicht. Ich gehe auch sehr oft über den Punkt hinaus, an dem ich eigentlich schon merke, ich brauche mal kurz eine Pause, ich würde jetzt gern was essen oder stumpf gesagt kurz mal pieseln. Man bleibt am Schreibtisch sitzen. Wir verbieten uns das schon sehr in unserer sicherlich privilegierten aber auch anstrengenden Welt. Da nehme ich mich nicht aus, auch wenn ich jetzt mehr in der Natur bin. Ich würde mich generell nicht als angekommen bezeichnen. Aber als angekommener. Woran ich mich noch immer nicht gewöhnt habe, ist krasserweise die Stille auf dem Land.

Roland: Lustig, wir reden und schreiben über Natur, aber hängen gleichzeitig auch ganz viel am Handy – nicht zuletzt, um Bilder von der Natur zu machen. Das ist für mich schon ein Konflikt…

Anna: Und wie löst du den?

Roland: Ich versuche, mir bei einem Ausflug anfangs ein paar Minuten für Fotos zu nehmen, dann stecke ich mein Handy weg und stelle auf Flugmodus. Das klingt banal, ist aber fast schon eine Regel. Auf einem Konzert will ich ja auch Life-Erfahrung und nicht den Abend über den Bildschirm wahrnehmen.

Anna: Schöne Regel, finde ich ganz gut. Ich bin zwar nicht so’n Riesen-Vorschriften-Fan. Aber vielleicht sollte man sich selbst eine solche oder ähnliche Regel wirklich relativ klar aufstellen, weil man sich sonst immer wieder von der Schönheit der Natur gezwungen fühlt, sie festzuhalten. Denn egal wie gut du den Moment einfängst: Als Bild ist er nie so bezaubernd wie er in Wirklichkeit war. Wenn ich mir Fotos von Sonnenuntergängen angucke, finde ich die ganz oft sehr schön, aber überleg mal wie du dich fühlst, wenn du ihn erlebst.

Roland: Finde ich auch. Andererseits kann aber ein schönes Foto die Sehnsucht nach Natur und Reisen wecken – schön, wenn man ihr dann auch nachgibt.

FOTOS: Michi Schunck

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