Rügen. Hallo, ich Binz!

Pärchen stinken, Pärchen lügen
Pärchen winken und fahrn’ nach Rügen (Lassie Singers, „Die Pärchenlüge“)

von Roland

Schon der Name der Insel klingt ja nicht so nett. Wie eine Mischung aus „rüde“ und „Rogen“. Und jemanden rügen ist ja auch nichts Schönes … die „Pärchenlüge“ von den Lassie Singers gab der Insel in der Vorstellung den Rest: Voll mit beigefarbigen Paaren in gleichen his & hers-Windbreakern, die im Gleichschritt die Strandpromenade auf- und abmarschieren, um dazwischen pflichtschuldig Matjesbrötchen oder Sanddorntorte zu futtern. Und alles, was sich nicht in gleichbejackter Paar- oder Familienformation befindet, skeptisch zu beäugen.

Und jetzt? Ist die Insel heißer Kandidat für einen Lieblingsort. Nah genug für einen – wenn auch ambitionierten – Wochenend-Ausflug von Hamburg oder Berlin, weit genug weg um eine neue Welt zu bieten, dazu weitläufiger als alle anderen deutschen Inseln: Man findet sich hier an manchen Stellen durchaus allein am Strand wieder.

Los geht’s in Binz. Wenn man schon immer wissen wollte, wie es in den Hamptons aussieht, findet man hier einen reizvollen kleinen Ableger: Es waren ziemlich akkurate Städteplaner am Werk! In dem Seebad stehen lauter hübsche Häuser der so genannten Bäderarchitektur (viel Holz, viel Weiß, verandaartige Vorbauten, verschnörkelte Giebel). Sie sind teilweise bereits Ende aus dem Ende des 19. Jahrhunderts – und so adrett restauriert, dass sie einen blenden, wenn die Sonne scheint. Die weißen Strandkörbe sind aufgereiht wie Perlen an einer Kette – schwer, sich dem Charme zu entziehen.

Aber Binz ist auch im Herbst nicht gerade eine Geisterstadt: Es ist auf Deutsch gesagt bumsvoll! Uns reicht für heute eine Stippvisite, schließlich scheint die Sonne… Der XXL-Kulturschock einige Kilometer weiter: Prora – oder was davon übrig blieb: Das ehemalige „Kraft durch Freude“- Erholungszentrum der Nazis, in dem Soldaten in der Sommerfrische wieder startklar gemacht werden sollten für den Krieg. 20000 Menschen sollten hier gleichzeitig Urlaub machen können, der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs stoppte das größenwahnsinnige Projekt, das später zur größten Kaserne der DDR wurde und neben einer Jugendherberge, Ferienwohnungen, der Großraumdisco „Miami“ und Besucherzentren weitgehend sich selbst und der Verwitterung überlassen ist. Eine überdimensionale Ruine, die einen nicht kalt lässt. Man ist fasziniert und abgestoßen zugleich im Angesicht faschistoiden Größenwahns.

Wer seinen Bedarf an vollen Innenstädten und deutscher Geschichte gedeckt hat: Ab nach Norden, auf die Wittower Halbinsel. Altenkirchen ist ein kleiner Ort, eine gute halbe Stunde nördlich von Binz (auf dem Weg liegt der Jasmund-Nationalpark mit den berühmten Kreidefelsen, kein Fotograf fängt die allerdings so postkartenschön ein wie Caspar David Friedrich dass anno dazumal mit Pinsel und Ölfarbe tat!). Neben dem alten Kopfsteinpflaster der Hauptstraße, einem Bäcker, einer Fischräucherei gibt es das detailverliebt dekorierte Fischbrötchen-Lokal „Klabautermann“.

Sehr hübsch: Die Pfarrkirche Altenkirchen. Sie ist von 1185, hat einen für früher typischen ausgelagerten Glockenturm und einen alten Friedhof. Ein magischer Ort (auch wenn man Kirchengucken sonst nicht zu seinen Hobbys zählt), wie ein Zaubergarten, in einem Baum hängen Gedichte und Psalme des Dichters, Pfarrers und späteren Professors Ludwig Gotthard Kosegarten. Der war übrigens auch ein echter Naturjunkie und prägte den Mythos Rügen mit: Er hielt um 1800 Strandpredigten ab und versuchte den Menschen die Natur als „göttlichen Ort der Schönheit und des Trostes“ näherzubringen. Macht Sinn …

In der Nähe vom Kap von Arkona mit seinen wuchtigen Steilküsten dann das Open Air Highlight: Zwischen Drewodke und Vitt vergisst man sofort die Zeit, wenn man vom Parkplatz beim Peilturm (der wie ein Tennisball auf einem Zaunpfahl aussieht) die wuchtige Treppe mit gefühlt 238 Stufen runtergeklettert ist: Überall am wildromantischen Strand liegen perfekte Kiesel zum Flitschen und über die großen Brocken kann man weit ins Wasser laufen. Dazu gibt’s „Schwanensee“ auf der Naturbühne. Moment mal, sollten das nicht Möwen sein?

Und da vorn, sind die immer wieder entstehenden Gischtwellen und dunklen Umrisse Lebenszeichen eines Schweinswals, von dem es hier noch vereinzelt Exemplare gibt? Wir wissen es nicht genau, hätten sonst wie vorgeschrieben die Küstenwache zum Schutz dieser kleinen Walart alarmiert. Der euphorische Glaube, am norddeutschen Strand gerade einem Wal zu begegnen, lässt ihn uns eine kleine Ewigkeit beobachten – völlig versunken.