Seen und gesehen werden

Stadt, Land, Fluß? Nee, Stadt, Land, Standgewässer! Ob Bagger-, Bade- oder Bergsee: In Deutschland lieben wir unsere Binnengewässer einfach. Zum Flanieren, drin Schwimmen, drauf Eislaufen, drüber Paddeln – oder einfach, um Leute am Wasser zu beobachten. Hier stellt stadtlandflow regelmäßig einen besonderen See vor.

Folge 2: Die See-le baumeln lassen – Kloster Seeon

Es ist Sonntag und wir sind in Seeon. Ein ungewöhnlicher Name für einen Ort, aber er verrät, was sich in seiner Mitte findet: ein See. Wobei, um den See selbst geht es in diesem Text gar nicht so sehr. Denn nicht sein Wasser und auch nicht seine Flora und Fauna sind außergewöhnlich, sondern vielmehr die kleine Insel darauf. Denn auf der Insel, die sich in gut 10 Minuten umrunden lässt, steht ein Kloster. Gegründet 994 und seitdem alle paar Jahrhunderte zerstört, renoviert, veräußert oder verschenkt – wie das bei uralten, teuren Gemäuern eben so ist. Heute lässt es sich hier hervorragend heiraten, tagen, und seelebaumeln. Das haben schon viele – weitaus bedeutendere Menschen als wir – vor uns getan. Mozart zum Beispiel. Wenn Wolfgang mal wieder eine Komponierblockade hatte, kam er nach Seeon und notierte die nötigen Noten. Die Mozarteiche, die am Ufer steht, soll ihm dabei gut und gerne Schatten gespendet haben. Das war zwischen 1761 und 1780. Kaum 25 Jahre später war das Kloster schon keines mehr. Man hatte es aufgelöst und ein findiger Bäckermeister aus München hatte den Komplex gekauft, um hier Bier zu brauen. Für einen bayerischen See passierte hier also das einzig Plausible. Doch dann wurde es exotisch: 1852 wurde Seeon an die in Lissabon residierende Witwe Kaiser Pedros I. von Brasilien verkauft. Bavaria 0 – Brasil 1.  Wieder zwanzig Jahre später kamen die Russen ins Spiel. Ein Verwandter der Zarenfamilie Romanow erwarb die Gebäude auf der Klosterinsel. Und jetzt wird es spannend. Fast hundert Jahre später, 1984, wird eine Frau namens Anastasia Manahan auf dem kleinen russisch-orthodoxen Friedhof Seeons beigesetzt. Sie behauptete zeitlebens, die verschwundene Tochter des letzten Zaren zu sein. Eine hartnäckige Legende, die sich erst 2007 gänzlich auflösen ließ. In Wahrheit war die Frau eine Schwindlerin. Aber dafür hatte sie nun eine fürstliche letzte Ruhestätte abgesahnt. Als ich ihren Grabstein so sehe, fühle ich mich wie sie – irgendwie ein bisschen verrückt. Dabei ist Sonntag und ich wollte doch eigentlich nur die Seele baumeln lassen. Jetzt ist es wie im Geschichtsunterrichts-Zeitraffer. Einmal Bayern, Brasilien, Russland und wieder zurück. Bevor mir schwindelig wird, drehen wir lieber noch eine ruhige Runde um den See.

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SLF_Bayern_Simmsee_Beitrag

Folge 1: Der Simssee

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