Wandern, schlendern, treiben lassen: Mein Stadtspaziergang

„Langsam durch belebte Straßen zu gehen, ist ein besonderes Vergnügen. Man wird überspült von der Eile der andern, es ist ein Bad in der Brandung.“ (Franz Hessel, Spazieren in Berlin)

von Anna

Um Spazieren zu gehen, fahren viele raus ins Grüne. Ich fahr’ rein – mitten in die Großstadt. Seit ich hauptsächlich auf dem Land lebe, fröne ich einer alten Leidenschaft ganz neu und noch gezielter: dem Flanieren. Dafür brauche ich keine Einkaufsstraße, nicht mal einen Flohmarkt. Viertel und Tageszeit sind egal. Wichtig sind nur Menschen. Denn aus der herzerfrischenden Einsamkeit des Umlandes kommend, kann ich es kaum erwarten, wieder anderen zu begegnen. Gar nicht direkt, nur einfach auf der anderen Straßenseite, auf einer Bank, vor der Bäckerei oder am Wohnzimmerfenster.

Wer seinen Alltag in der Stadt verbringt, der kann im Vorbeigehen schnell vergessen, dass die anderen nicht nur den Nahverkehr voll und die Kassenschlangen lang machen. Sie machen auch Spaß – und können neue Energie geben. Mal indirekt durch ein im Augenwinkel beobachtetes Miteinander oder ein inspirierendes Outfit. Und mal ganz direkt durch Blickkontakt oder ein flüchtiges Lächeln. Kurze Momente, aber wichtig fürs andauernde Wohlbefinden. Denn Großstadt bedeutet doch nicht nur Anonymität, sondern vor allem Miteinander. Miteinander leben und voneinander lernen. Und wenn ich laufe, lerne ich. Immer. Nicht jedes Mal etwas Großes, Greifbares. Manchmal einfach nur, dass ich Menschen mag. Und das kann man ja ob des aktuellen Weltgeschehens zwischendurch auch schon mal vergessen! Ich lerne über Gesellschaft, die Gesellschaft, die mir so wichtig ist. Und die Gesellschaft, in der ich lebe. Und vor allem über die Gesellschaft mit mir selbst.

Vor allem letztere fühlt sich besser an in der Nähe zu anderen. Und wenn aus dem walk in the park längst ein walk in the dark geworden ist, wenn ich mich satt gesehen habe, am schmutzigen Laub, dass jetzt im Herbst selbst die Hauptstadt nach Natur riechen lässt, und an den erleuchteten Fenstern, hinter denen Millionen von Weltbildern und Emotionen die Geschichte dieser alten Straßen immer wieder neu schreiben und überschreiben, dann kann ich getrost zurück fahren. Zurück aufs Land, wo ich die stille Schönheit der Natur und das Alleinsein mit mir nur genießen kann, weil ich weiß, dass Berlin bloß eine Autostunde entfernt liegt.