Ja, sind wir im Wald hier …

Leg dich an einem schönen oder auch windigen Tag in den Wald, dann weißt du alles selbst. (Robert Musil)

von Roland

Als Kind war frische Luft für mich weniger Luxus als Selbstverständlichkeit. Auch wenn ich als Teenager das öde Landleben verfluchte und kaum erwarten, konnte endlich in eine große Stadt möglichst weit weg zu ziehen: Als Halbstarker verbrachte ich die meiste Zeit an der frischen Luft und am liebsten im Wald. Beim Buden bauen, Banden gründen, beim Stöcke sammeln um Schwertkampf zu spielen.

Die Sonntags-Spaziergänge mit meiner Familie hatten für mich nichts von Pflicht – auch wenn mein Vater ohne Pause von Pflanzen und Tieren erzählte, was mich damals wenig interessierte und wovon ich heute leider nur noch einen Bruchteil weiß. Das größte: Während meine Eltern meistens auf der befestigten Straße gingen, lief ich querfeldein. Freya, unser Irish Setter, war Beschützerin – man konnte ja nie wissen ob nicht doch böse Tiere oder sonstige Wesen im Unterholz rumlungerten – und gleichzeitig Assistentin, wenn ich Agent spielte, der ein international gesuchtes Verbrecherpaar in geheimer Mission beschattete (alias meine Eltern).

Ich erinnere mich an offene Knie, Zeckenbisse, zerrissene Hosen, eine Bänderdehnung vom Tritt in einen Kaninchenbau während einer Nachtwanderung und den Tag als ich Brombeeren in die Taschen meiner neuen hellblauen Latzhose steckte, (die ich wegen der Flecken zum Glück auch nie wieder tragen musste). Die Schatten der Bäume waren genauso bedrohlich wie beruhigend, manchmal preschten direkt vor meiner Nase zwei Rehe durch das Unterholz, dann wieder zuckte ich kurz vor einem Geräusch zusammen, dass ich nicht zuordnen konnte. Gab es am Ende vielleicht doch Bären hier? Besser ich kam niemals nachts hierher, sonst machte ich noch Bekanntschaft mit einem Werwolf!

Als ich älter wurde, bald dem Dorf und kindlichen Werwolf-Phantasien entwachsen, vernachlässigte ich die Natur – mit 19 war die Stadt mit ihren Hochhäusern spannender als der Wald mit seinen Bäumen. Und auch Familienspaziergänge verloren ihren Reiz. Ich fand ihn wieder, als mich Liebeskummer plagte. Das Warten auf SMS, die nicht kommen, der aufgepeitschte Geist, ich ließ ihn laufen beim Joggen durch den Stadtwald. Fast jeden Tag ein Stunde – hier ging es nicht um Ausruhen, sondern Auspowern.

Selbstverständlich ist es nun auch wieder nicht, dass man hier zur Ruhe kommt, sind Wälder doch mythenumranktes Sinnbild von Urgewalt, Gedankenstürmen – und sogar für alle über 16 auch noch ein bisschen unheimlich, zumindest wenn es dämmert oder schon mal diesen fiesen Film gesehen hat, in dem der Wald als Hort des Bösen in Erscheinung tritt: https://www.youtube.com

Der Wald ist nicht nur ein Sehnsuchtsort, er ist eine grüne Projektionsfläche. Für mich ist er entweder ein Verstärker meiner Stimmung oder trägt etwas von ihr ab und macht augenblicklich sanfter. Riesige Tannen, das Knacken von Ästen und Tannenzapfen auf dem Waldboden, das Hämmern eines Spechtes, Vogelgezwitscher und hunderte anderer Geräusche, Gerüche von Harz, Tannennadeln, Erde bereiten mir heute noch wie nichts sonst ein – ja: Gefühl von Magie, Abenteuer und Naturverbundenheit.

Wie kann man auf den Waldboden eine Kippe fallen lassen oder eine Plastikflasche? Wie kann man hier angespannt bleiben oder wütend auf irgendwas oder irgendwen aus der Stress-Welt da draußen? Wie kann man nicht mindestens einmal in der Woche hierherkommen wollen, zum Joggen, zum Meditieren oder einfach um ein bisschen von der guten Luft einzusaugen, so dass sie einen ein bisschen unter der Woche versorgt, wenn man mit verpixelten Großstadtaugen vorm Rechner sitzt?! Verstehe ich nicht. Auch wenn ich die Stadt genauso zum Atmen brauche wie das Grüne: Wald wirkt.