Wir schauen uns ’nen Wolf!

„Wild“ war wohl der schrägste Film in diesem Kinojahr. Aber auch die DVD lässt einen vor Freude – und Empörung – lauf aufheulen!

von Roland

Wer sich vor dem Wolf fürchtet, der soll nicht in den Wald gehen, heißt es. Doch Angst ist das letzte, das die schüchterne Ania (Lilith Stangenberg) empfindet, als sie eines Morgens auf dem Weg zur Arbeit einem leibhaftigen Wolf gegenüber steht. Bis gerade eben war ihre Lebenswelt begrenzt von der kleinen Plattenbau-Wohnung in Halle/Neustadt, Stress mit der bratzigen jüngeren Schwester und  einem Job als IT-Expertin, bei dem das Aufregendste der Gang zum Kopierer oder ihr jähzorniger Chef sind.

Als Ania aber Auge um Auge vor dem Wolf steht, macht alles plötzlich Sinn, er ist der Funke, der ihr Leben einhaucht – und der Zuschauer erlebt ab jetzt die wohl aufregendste Variation des Rotkäppchen-Stoffs „Mädchen trifft Wolf“, die er je gesehen hat. Weil Ania den Spieß umdreht. Nicht sie ist es, die gejagt wird, sondern der Wolf: Besessen legt sie alles daran, das Tier zu fangen. Legt Fährten, baut Fallen, bis es ihr schließlich in einer minutiös geplanten Jagd gelingt: Der Wolf wird Anias wilder Mitbewohner in der Hochhauswohnung. Allen besorgten Tierschützern sei an dieser Stelle verraten: Er findet Gefallen an seinem neuen Leben – und seinem Frauchen.

In unerhörten Szenen, wo man als Betrachter denkt „Aber sie kann doch jetzt nicht…!“, hat Ania erotische Träume mit dem Wolf, löst sich im wahren Leben nach und nach von ihrer Antriebslosigkeit. Sie wird forscher, aggressiver – und kommt plötzlich mit ihren Mitmenschen, vor allem ihrem Chef Boris (Georg Friedrich) besser klar. Die Botschaft „Zurück zur Natur“ war der Regisseurin Nicolette Krebitz sicher zu simpel: „Wild“ zeigt in verstörenden und gleichzeitig betörenden Bildern eine irrwitzige Mensch-Tier-Liebe als Gegenentwurf zu einer seelenlosen, grauen Welt auf, in der die Menschen von sich selbst und den Personen in ihrer Umgebung entfremdet sind. Ania will ausbrechen, und geht dem Raubtier auf den Pelz.

Nach „Wild“ möchte man sich die Klamotten vom Leib reißen, in den nächsten Stadtpark rennen und den Mond anheulen! Das mit den Klamotten geht natürlich auch drinnen. Stichwort: Wilde Seite erforschen.…