„Ich See was, was du nicht siehst!“ Zwei Drittel der Erde sind mit Wasser bedeckt. In Flüssen, Meeren…und Seen. Da es davon auch in Deutschland besonders viele schöne Exemplare gibt, stellen wir jeden Monat einen vor.
Folge 1: Der Simssee

von Marthe

Es ist Samstag, und wir spazieren übers Wasser. Nein, wir sind nicht heilig, unsere Mutter heißt nicht Maria, und unser Vater lebt auch nicht über den Wolken. Und trotzdem treten wir grad zu Fuß die Überquerung des Simssees an. Wie das geht? Der Simssee in Bayern, ein etwa 6,5 qkm großer See im Chiemgau, ist gefroren. Das passiert nicht so oft. Aber seit ein paar Wochen ist es knackig kalt, bis zu minus 18 Grad, und die Eisschicht ist mittlerweile mindestens zehn Zentimeter dick. Die Wasserwacht hat das für ausreichend befunden. Und das heißt: buntes Treiben auf der Eisoberfläche. Von wegen „alle sind beim Skifahren“, heute findet das Leben scheinbar auf dem See statt auf dem Schnee statt!

Während wir noch etwas vorsichtig die glasige Oberfläche betreten – ein unheimliches Knacken bleibt zum Glück aus –, quatschen Mütter in buckelig warmen Moonboots bei Käffchen aus dem Thermobecher über ihren neuen Thermomix. Väter ziehen verschwitzt ihre Kleinsten seit fünf Runden mit dem Schlitten über den See. Teenie-Girls drehen auf Schlittschuhen halbgare Pirouetten und versuchen dabei multitaskingmäßig, ihre Selfies gleichzeitig bei Instagram und Snapchat hochzuladen. Hilft nix. Hier gibt’s kein Netz!

Oder doch? Der gefrorene See scheint hier heute so etwas wie ein echtes soziales Netzwerk zu sein – ganz ohne Breitband. Nachbarn bringen Bierbänke, Glühweinkocher, Gulaschkanonen und Kuscheldecken. Man hockt sich hin. Man redet, isst, trinkt. Man kennt sich. Ein paar Männer haben kurzerhand eine Eisstockschießmannschaft gegründet und donnern jetzt bei zwei bis acht Bier gemütlich die schweren Eisstöcke über die Bahn, rauchen dabei Zigaretten und reißen Witze über ihren Nebenmann. Im Hintergrund zur Linken ragen die Berge in der Ferne ein bisschen eifersüchtig aus dem Horizont. Und gegenüber zur Rechten geht in diesem Moment die Sonne unter. Die hat heute einen Topjob gemacht. Locker acht Stunden hat sie mit den Leuten um die Wette gestrahlt. Für die Bewohner des Simssees, die Fische – darunter Renken, Regenbogenforellen und Rapfen – muss das Spektakel über ihnen heute das reinste Menschenkino gewesen sein. Durch die dicke Eisscheibe konnten sie sich stundenlang ungestört alles anschauen. In Farbe und HD. Vielleicht sind sie ja ganz froh, noch ein bisschen Ruhe zu haben, bis es im Sommer auch unter Wasser wieder hoch hergeht. Aber bis dahin bleibt der Winter ihnen noch wohlgesonnen.

Und wir sind ein bisschen froh, als wir wieder richtigen Boden unter den Füßen haben. Und dass wir nun mit Fug und Recht behaupten können, den See zweimal überquert zu haben. Der alte Moses wäre stolz wie Bolle. So einen zugefrorenen See betritt man eben nicht alle Tage. Schön war’s!