Abgefuckte Idylle!?

And I’m feeling blue…

Voll die abgefuckte Idylle hier! An den Satz muss ich denken, als ich heute Morgen allein hinterm Bastorfer Leuchtturm an die Ostsee spaziere. Ein Mitschüler spuckte ihn aus, als wir in der elften auf Studienfahrt in Schottland waren und er alles langweilig fand und lieber nach Amsterdam zum Kiffen gefahren wäre. Ist der Himmel hier farblos oder kann man das zumindest hellgrau nennen? Ist die See nicht stinklangweilig, so flach und lethargisch? Es geht kein Wind und ist auch nicht klirrend kalt, so wie ich es mir insgeheim gewünscht hatte – ich liebe, wenn es am Meer schneit und dachte als Kind immer, da geht ja gar nicht – es ist irgendwie undefiniert. Grau und lauwarm fast schon. Oh boy, was mache ich hier eigentlich? Das Problem ist natürlich nicht die Landschaft, in jeder anderen Stimmung könnte mir auch graue Suppe am Himmel nix ausmachen. Ich bin mein eigenes Problem, bzw. die Gedanken in meinem Kopf sind es. Denn die Umgebung entspannt mich nicht, sie ist eher ein Verstärker für meine schlechte Stimmung. Wie geht es im Beruf weiter? Sollte ich nicht längst wieder am Schreibtisch sitzen? Wieso wohne ich eigentlich im Süden oder bin jetzt zumindest auf sonnen- und schneebedeckten Berggipfeln Ski laufen? 2019, da kann man ja gleich sterbe …! Und so weiter. Hallo, Gedankenspirale.

Abgefuckte Idylle!?

Im Seminarhaus Holthof, in Wendelstorf (keine 20 km vom Grand Hotel Heiligendamm) wollte ich ein paar Tage nach diesem ätzend langen Januar absteigen, mich entspannen, ein paar Geschichten schreiben für das Studium „Biografisches und Kreatives Schreiben“, das ich seit diesem Herbst neben meiner Arbeit als freier Journalist und Texter verfolge. Habe mir das hier super vorgestellt – und jetzt? Nix. Nada. Schreibblockade – und ich kann mich nicht mal draußen ablenken. Es ist, als ob die Natur und die Einöde mich mit meiner angeknacksten Stimmung verspotten. Ich torkel durch lauter Nebenschauplätze auf der Suche nach mir. Nach einem guten Textanfang. Nach Enspannung. Nach diesem langgezogenen Seufzer, der mir meist sofort entfährt, wenn ich frische Luft atme. Vielleicht hatte ich das zu sehr gewollt: Mir schon zu genau vorgestellt, dass das Haus mit den knarzenden Dielen, dem Ofen und das Alkoven-Zimmer schon reichen, um mir Text- und Stimmungshochs zu bescheren. Aber so einfach ist es diesmal nicht. Draußen ist eben nur das Außen. Das Innen kann es zwar beeinflussen – siehe alle anderen Texte hier – aber nicht immer überrumpeln. Oder doch?

Nach viel Fluchen, zwei Wutanfällen, Spaziergängen fast ohne Sinneseindrücke und immer wieder auf den Rechner starren, reicht’s mir. Ich nehme mir vor, gar nichts mehr zu produzieren hier. Stattdessen machen wir, meine Compañera und ich, einen Tagesausflug – erst nach Heiligendamm, wo wir eigentlich einen Bogen drum herum machen wollten, es aber herrlichen Frustkuchen gibt. Und später sind wir an einem Wildstrand dort irgendwo in der Nähe (ich könnte nie mehr rekapitulieren, wo genau – aber es gibt viele schöne und vor allem ruhige Ecken dort). Wir trennen uns, sie geht in die eine, ich die andere Richtung. Zunächst bemerke ich es gar nicht, aber mein Kopf wird total leer, ich denke entweder an nichts oder gefühlt an nichts, die Gedanken ziehen vorbei, wie die Wolken, ich merke nicht mal, dass es leicht zu regnen anfängt. Dann ist er da, obwohl ich ihn schon fast aufgegeben hatte: Der Flow. Dieser leichte und beschwingte Zustand, den ich hier sofort erreichen wollte. Wir bleiben den ganzen Tag draußen, es passiert gar nicht viel und wir sehen auch nicht viel – nur den Himmel und das total träge Meer. Als ich später zuhause bin, klappe ich meinen Rechner hoch und schreibe vier Seiten am Stück. Ohne darüber nachzudenken. Meine Moral von der Geschichte? Man kann nichts erzwingen. Aber am Ende wird doch irgendwie alles gut. Erst draußen – und schließlich auch drinnen.

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