Schreibanlass: Meine Eltern (Papa)

Jetzt ist die Zeit, nicht nur das Leben draußen hochleben zu lassen, sondern die innere Einkehr. Reisen fängt im Kopf an – und das Schreiben ist für mich gerade wichtiger denn je. Was kommt, weiß ich nicht. Aber was war und was bleibt. Um bei mir zu bleiben, um mich an etwas festzuhalten, schreibe ich jeden Tag. Dass ich es gerade noch an der frischen Luft machen kann, ist echter Luxus. Auf Instagram @stadtlandflow und hier veröffentliche ich Geschichten, die aus einfachen Schreibanlässen oder -übungen entstanden sind. Wenn Du Dich darüber austauschen magst: Schreib mir gern an moin@rolandroedermund.de

Lieber Papa,

(oder darf ich sagen Bübchen?)

– Du bist der Forrest Gump aus dem Sauerland, ja wirklich! Dein Leben ist so voller Geschichten, die Du mir teilweise schon x Mal erzähltest. Die mich, ich gebe es ja zu, langweilten, sie tun es immer noch, obwohl eine verblüffender ist als die andere. Weil Du auch heute noch immer nur über Dich und Deinen Wald sprichst, und selten Fragen stellst. Doch Du und Deine Geschichten stellen wirklich alles in den Schatten.

Als Waisenkind groß geworden bei der ältesten Tante, es fehlte an nichts: Oma und Opa Kleere, an die ich keine Erinnerung habe, sie müssen Dich vergöttert haben. Was sollte Dir auch fehlen? Wieso traumatisiert sein, dass Du Deine leiblichen Eltern nicht kanntest, Dein Vater lief weg, Deine kränkliche Mutter gestorben, als Du kaum zwei warst. Entweder hast Du die Gefühle dazu so tief verbuddelt, dass Du selbst nicht mehr weißt, wo. Oder es wurde Dir wirklich nicht zum Nachteil und Du hast Deine frühsten Erinnerungen oder den Verlust der Eltern nur mit Gutem überschrieben. „Hast Du Deine Eltern denn nie vermisst?“ frage ich. „Wieso?“ sagst Du dann.

Diese Michel-aus-Lönneberger-Kindheit aber auch! Auf dem Bauernhof, mit Pferden und Kühen und Schweinen und Hunden. Mit Schmand aus der Kanne und Lausbubenstreichen am laufenden Band. Einmal hast Du einen toten Raben ans Scheunentor genagelt. Oma, die Arme, sie schrie nur: „De Duivel is do, de duivel is do!“ Damals warst Du blond und schon immer der Kleinste (ich bin froh, dass ich das nicht geerbt hab). Es ist wie mit den Hunden: Je kleiner, je frecher, lässt Dir auch heute nix gefallen. Als Junge zogst Du wutentbrannt Deine Ministranten-Kutte aus, schmissest sie dem Pfarrer vor die Füße, weil der Dich geschimpft hatte. „Ich komme nie wieder!“ Musstest Du nicht, Opa hielt die Hand über Dich. Später in der Kirche hast Du geschnarcht, ich glaube, Du gehst nur, weil Mama das möchte, zweimal im Jahr. Oder wenn für Elmar eine Messe gelesen wird.

Hast noch Hausschlachtungen mitbekommen und es gab einen Kumpel aus dem Senegal, „schwarz wie die Nacht“, laut Oma. Du nanntest ihn Jimmy, ich glaub, er hieß Mohammed. Hast in Mönchengladbach bei der ‚Ausländermannschaft’ gekickt. „Die hatten halt nicht genug“, war Dir egal, das andere das komisch fanden. Du brachtest ihn einfach mit nach Hause. Ins winzige Dorf Ende der Fünfziger, er war eine Sensation. Und Du hast einfach mit den Schultern gezuckt und gesagt, ich mag Jimmy. Er schlief bei Dir im Bett. Da lief nix, obwohl? Ich weiß, dass Du es faustdick hinter den Ohren hattest, auch das gehört zum Dorfmythos Theo. Das alle Jimmys Haare anfassen wollten, fand er damals okay.

Du hattest einen alten Käfer, irgendwann einen alten Porsche, wie oft die Bullen Dich kontrollierten, weiß ich nicht. Noch heute hasst Du glühenden Hass auf Lehrer und Polizei, und möchtest doch geordnete Verhältnisse. Den Vogel hast Du eigentlich immer abgeschossen, einmal warst Du sogar Junggesellen-Schützenkönig. Mit Margot, es war vor Mama. Doch sie sagt heute immer noch „Er ist bei der Königin“, wenn Du Margot und ihren Ehemann besuchst. Sie hätte trotzdem nicht zu Dir gepasst, obwohl sie voll was hermacht, Du brauchst eine hart arbeitende Frau, die Dich trotzdem bemuttert. „Marita, was soll ich denn heute anziehen?“ Mama hatte Dich schon mit 16 im Auge, weil Du immer so schick warst.

Einmal, viel später, hast Du einen Skinhead am Kragen gepackt, der einem Mädchen mit dem Mofa über die Füße fahren wollte. Ich war so stolz und hatte Angst. Du hattest einen Großneffen oder so, Jupp, der hat mit seiner holländischen Firma Juden gerettet und war damit in der Bild. Er schrieb ein Buch, in Münster liegt noch ein Original. Was machen wir nur mit all den Geschichten?

Du wurdest dann Schriftsetzer, ein ziemlich unspektakulärer Beruf für einen Mann wie Dich. Du lebtest Dich schon immer in der Freizeit aus: Lauftreffleiter, Jedermannsportgruppe, Schützenfest, Verbände und Vereine, wie Du früher gekocht hast! Einmal fand ich Liebesbriefe an Mama, du alter Poet!

Woher nimmst Du das, diese unbändige Lust aufs Leben, aufs Schaffen? Kannst alles bauen, vom Vogelhäuschen über die Weihnachtskrippe bis hin zum Bungalow. Hast alles davon gemacht. Für alle. Mir leider nichts gezeigt. Oder wollte es nicht gezeigt bekommen? Jäger warst Du immer, seit ein paar Jahren bist Du auch noch Waldpädagoge – für Grundschüler, Du! Ich kann mich an keinen Moment erinnern, wo ich auf Deinem Arm war. Es gibt Fotos, da spielten wir Softball. Ich war vielleicht zwei. Du wirktest unbeholfen. Und doch bei allem sonst so tüchtig.

Weil Du immer alles hattest, als Kind der lauteste, beliebteste warst, noch heute schwärmen die Ladys im Dorf von Dir, von Theo. Was er alles kann. Wie gut er redet. Wie gut er Artikel schreibt in der Zeitung. Über den Wald. Über die Umweltsünden der anderen. Über den Fuchs. Über den Specht und was noch alles. Du hattest doch immer irgendwie die Liebe von allen und magst Menschen. Und Tiere, Dein Jagen ist mehr ein Förstern, würde ich sagen. Wie man Holz und Holzhacken so geil finden kann, es ist mir ein Rätsel und gleichzeitig beneide ich Dich um Deine Millionen gelebten Interessen. Ok, wir haben uns angenähert, dadurch. Durch die Natur. Nicht den Tod. Denn davor hast Du glaube ich noch mehr Angst als ich, auch wenn Du immer so tust, als könnte Dir nichts Angst machen.

Inzwischen umarmen wir uns. Auch wenn Du nie nach meinen Freunden fragen würdest, nach meinem Freund erst recht nicht. Nicht, weil Du ein Problem damit hast. Ich könnte eine Frau haben oder zwei oder sieben Männer wie Jimmy, es wäre Dir vermutlich herzlich egal. Weil Du offener bist als dieses Dorf. Aber auch gleichgültig bei sowas. Du machst Dir Sorgen, ob ich klarkomme, abgesichert bin, überlässt aber Mama, mich auf den heißen Stuhl zu setzen. Schön rausgewieselt, denkst Du vielleicht. Und ich hab‘ mir an Dir früher immer die Zähne ausgebissen.

Wir hätten es schöner haben können, Du und ich. Jetzt haben wir es doch noch hinbekommen, uns über die Natur angenähert, diesen Samen hast Du mir wirklich mit eingepflanzt. Was noch? Das ich immer alles will, alles können will und schnell aggressiv werde. Gleichzeitig bei allem Schmerz fast immer auch das Lustige sehe. Deine Fähigkeit, überall sofort einschlafen zu können, hätte ich gern mitbekommen. Und Dein Geschick. Wer ich bin, was ich mache, war Dir lange egal. Heute weiß ich, dass Du sehr stolz bist. Manchmal, da habe ich Angst, dass Du einfach in den Wald fährst und nie mehr wiederkommst. Dich erschießt. Genauso wie er. Ich habe Dich das deshalb gefragt, als wir letzten Sommer im Wald waren. Es war eine der ehrlichsten Fragen, die ich je jemandem gestellt habe, ich musste das tun, ich musste es einmal aus Deinem Mund hören.

Aber dann denke ich, das ist Quatsch, jemand, der so am Leben hängt wie Du …

Und das Leben hängt ja auch ziemlich an Dir.

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